Der Traum vom Krieg

 

"Na, das fängt ja gut an" murmelte Joe, als er Joschi auf sich zukommen sah. Joe hieß richtig Josef. Aber alle nannten ihn Joe, weil Josef zu lang war und Sepp zu spießig klang. Joe war auf dem Weg zur Friedensdemo. Und wie's aussah, wollte Joschi auch dorthin. Er hielt ein Schild in der Hand, auf dem stand "don't be greedy - you ass army". Joe musste schmunzeln. Manchmal hatte Joschi ganz gute Einfälle. Trotzdem mochte er ihn nicht besonders. Denn Joschi war bei jeder Demo dabei, und Joe glaubte daß es ihm nicht um die Sache an sich ging, sondern einfach nur darum, dabei zu sein - dagegen zu sein. Sie trafen auf zwei junge Frauen, die ebenfalls das gleiche Ziel hatten und randvoll gefüllte Picknick-Körbe trugen. Joe konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen als er sagte: "Na, ihr scheint ja gut gerüstet zu sein". Eine der beiden, ein mütterlicher Typ, hob ihren Korb hoch um ihm die vielen Leckereien zu zeigen, die sie bei sich hatte. "Hier, nimm dir doch etwas". Joe sah Muffins, Donuts, Dosen mit Coca Cola, 7up und Millers Bier. Zumindest beim Bier hätte Joe eine deutsche Marke bevorzugt. "Nein danke, nachher hast du selbst zuwenig". Sie schien die Ironie in seiner Stimme nicht zu bemerken. "Doch, nimm ruhig. Wir gehen anschließend noch zu MC-Donalds. So ne Demo macht schließlich hungrig". Dann schrie sie vor Entzücken schrill auf. Sie hatte Joschis Schild gesehn und war davon ganz begeistert. Der schenkte es ihr und bekam dafür zwei Muffins und eine Dose Millers. Als die Frauen weitergingen sagte Joe "Ich dachte, du wolltest dies Schild selbst tragen". "Oh nein" erwiderte Joschi ohne seine Marlboro aus dem Mund zu nehmen "Ich trage das hier". Joe erschrak. Joschi hielt eine Pistole in der Hand. "Sag mal, bist du nun endgültig übergeschnappt?" schrie Joe "mit ner Knarre auf ne Friedensdemo?". "Hey, sachte Mann, cool down" sagte Joschi im Flüsterton "das ist doch nur eine Schreckschußpistole. Die ist nicht echt, sieht nur so aus. Originalnachbildung einer Walther PPK. Schießt aber nur Platz- und Gaspatronen". "Darum gehts doch gar nicht" Joe war wieder etwas ruhiger geworden "schon allein die Symbolik. Du kannst nicht für den Frieden demonstrieren und dabei ne Waffe in der Hand halten". "Doch, kann ich" Joschi war nun gekränkt "denn dies ist eine Defensivwaffe. Und schließlich muß ich mich verteidigen". "Verteidigen?" Joes Stimme überschlug sich "auf ner Friedensdemo? Gegen wen denn?". "Gegen die vielen Bullenschweine, die hier überall sind. Stell dir vor, nun mischen die sich schon in Zivil unter die Demonstranten". Joe wollte noch einiges dazu sagen, doch er wußte, das vernünftige Argumente bei Joschi nicht ankamen. Das war einer der Gründe, warum er ihn nicht mochte. Inzwischen konnten sie den Sammelplatz sehen, den Ausgangspunkt der Demo. Schon einige hundert Menschen waren dort versammelt. Als Joschi sie sah, rief er "Auf in den Kampf" und rannte los. Joe blieb stehen. "That's it!". Das war eindeutig das falsche Motto. Solche Typen sind es, die ehrbare Demonstranten in Verruf bringen. Die Demo hatte noch nicht begonnen aber Joe hatte die Nase gestrichen voll. Er wollte nicht mehr mitmachen. Nicht, wenn solch ein Idiot wie Joschi dabei ist. Und vermutlich werden mehrere solcher Typen dabei sein. Die sind immer dabei, bei jeder Demo. Joe steuerte die nächste Kneipe an. Sie war leer bis auf den Wirt und einen Gast, der am Tresen saß und einen Kaffee trank. Joe bestellte sich auch eine Tasse. Während der Wirt die Kaffeemaschine ansteuerte, murmelte er: "Hab ich denn nun ne Kneipe, oder ein Cafe?" Der Mann am Tresen grinste und sagte zu Joe. "Also, ich finde, dies hier ist ein Ort, der hervorragend geeignet ist, einen Kaffee einzunehmen". Joe starrte ihn an und murmelte "Oh je, noch ein Verrückter". Sein Gegenüber hob die Tasse, als wolle er ihm zuprosten und sagte "Zet". Joe starrte noch immer auf diesen Komiker und fragte " Ist das ein Trinkspruch für Kaffeetrinker?" "Nein, ist mein Name". Joe wunderte sich inzwischen über nichts mehr, auch nicht über Leute, die sich Zet nannten. Also hob er ebenfalls seine Tasse und sagte "Joe". Dies Spiel begann ihn nun zu amüsieren. "Gehste nicht auf die Demo?" fragte er. "Nein" Zet sah ihn mit festem Blick an "Leute wie ich gehen auf keine Friedensdemos. Und du?"  

"Ich wollte gehn. Hab mirs aber grade eben anders überlegt. Habe meine Gründe".  

"Ja, die haben wir wohl alle" 

"Und warum gehen Leute wie du nicht auf Friedensdemos?" 

"Ist mir irgendwie zu einseitig, zu verlogen, einfach zu scheinheilig" 

"Wie bitte?" Joe hätte sich fast verschluckt "was bist du denn für einer?" 

"Ich bin Soldat"

 "Aha. Aber warum haste denn nicht verweigert. Das ist heutzutage doch recht einfach"

 "Du hast mich falsch verstanden. Ich bin kein Wehrdienstleistender. Ich bin Soldat. Das ist mein Beruf"

 Joe fiel fast die Tasse aus der Hand. "Oh, na klar! Dann darfst du ja nicht für den Frieden sein"

 "Blödsinn" sagte Zet scharf "Natürlich bin ich für den Frieden, so wie jeder Mensch. Glaubst du wirklich, das es Menschen gibt, die sich Krieg wünschen?"

 "Nun, das vielleicht nicht gerade. Aber es gibt viele, die ihn in Kauf nehmen, weil sie sich Vorteile davon versprechen. Und wenn dann noch entsprechende Politiker an der Macht sind kanns doch recht schnell dazu kommen. Und dann seid ihr da. Die Soldaten, die dafür trainiert haben. Ja, ihr trainiert doch für den Krieg. Und eben dadurch macht ihr ihn erst möglich."

 "Oh nein mein Freund."

 "Nenn mich nicht Freund"

 "Da unterliegst du einem ganz gewaltigem Irrtum. Wir trainieren nicht für den Krieg, wir trainieren für den sogenannten "Ernstfall". Und damit ist ganz eindeutig der Verteidigungsfall gemeint. Das ist auch gesetzlich ganz klar geregelt. Würdest du Verteidigung ablehnen?" 

"Nein, natürlich nicht. Vorausgesetzt, es handelt sich wirklich um Verteidigung. Oft wird dies ja nur als Grund vorgeschoben." Joe musste an Joschi denken

 "Wir trainieren nicht dafür, Kriege zu führen, sondern um uns verteidigen zu können. Und das Ziel unseres Trainings ist, dafür zu sorgen, daß der Fall, für den wir trainieren, nie eintritt. Und das ist auch der größte Wunsch eines Soldaten".

 "Glaub ich dir nicht. Warum wird denn jemand Soldat? Warum bist du Soldat geworden?"

 "Um den Frieden zu erhalten und unsere Demokratie zu sichern."

 "Und ich bleibe dabei: Kriege werden erst dadurch ermöglicht, daß es Soldaten gibt. Gäbs keine, wer sollte dann die Kriege führen, die wahnwitzige Politiker anzetteln?"

 "Ja, natürlich. Und wenns keine Waffen gäbe, gäbs auch keine Kriege. Dumm nur, das fast alles als Waffe benutzt werden kann. Vom Brotmesser bis zu Pflastersteinen, die ja bei Demonstranten so beliebt sind. Oh nein, das sind nicht die Gründe, die Kriege ermöglichen. Nicht Waffen, nicht Soldaten sind es, sondern die Menschen an sich. Menschen, die habgierig sind. Menschen, die ihre Lebensweise mit allen Mitteln andern aufzwängen wollen. Menschen, die sich selbst für die "Richtigen" halten und meinen, das Andere weniger wert sind, es sei denn, die eignen sich diese "richtige" Lebensweise an. Und um solche Menschen zu finden, musst du nicht über den Atlantik sehen. Die findest du auch hier zuhauf. Auch und gerade auf deiner Demo."

 "Hey, nun mal halblang. Das ist nicht "meine" Demo. Und der Grund warum ich jetzt nicht dort bin ist, daß ich vorhin einem solchen Idioten begegnet bin, der dort eindeutig nicht hingehört."

 "Na immerhin. Du scheinst wenigstens drüber nachzudenken, was du tust. "

 "Natürlich. Und solche Demos gibts eben gerade deshalb, weil Menschen darüber nachdenken, was sie tun. Weil sie darüber nachdenken, was andere tun und was das für Folgen hat. Und eben um diese Folgen zu verhindern, dafür demonstrieren sie."

 "Na, dann sind also diese Demonstranten den Soldaten doch recht ähnlich"

 Jetzt wurde Joe wütend. Einen Friedensdemonstranten mit einem Soldaten zu vergleichen, das ging nun wirklich zu weit. "Na, nun spinnste aber, was? Ich denke, da gibts einen gewaltigen Unterschied. Wir hier demonstrieren für den Frieden, weil wir eben diesen Frieden wollen. Du wirst mir nicht erzählen wollen, das jemand Soldat wird, weil er den Frieden will"

 Zet nahm einen langen Schluck aus seiner Tasse, sah Joe fest in die Augen und sagte "Genauso ist es. Niemand wünscht sich den Frieden mehr, als ein Soldat"

 "Ach nee, tatsächlich? Du glaubst also wirklich, jemand wird Soldat, um für den Frieden zu kämpfen? - Kämpfen für den Frieden - daß ist doch ein Widerspruch an sich"

 "So wie jemand, der mit einer Pistole bewaffnet auf eine Friedensdemo geht"

 Nun wurde Joe mißtrauisch. Spielte Zet auf Joschi an? Und woher wußte er davon? "Hey Mann, bist du ein Bulle? Einer von denen, die sich unter harmlose Demonstranten mischen?"

 "Na, ganz so harmlos sind einige von ihnen nicht. Und die Bullen sind nicht zuletzt auch dazu da, um die friedlichen Demonstranten vor eventuellen Randalierern zu schützen. Aber ich bin kein Bulle, ich bin Soldat. Hab ich doch schon gesagt". Joe glaubte ihm. Wenn Zet ein Bulle wäre, würde er jetzt nicht hier sitzen, sondern auf der Demo sein. "Na ja, ein paar Chaoten gibts eben überall. Und eben dieser mit der Pistole, die übrigens nur eine Schreckschußpistole ist, war für mich ja auch der Grund, nicht an dieser Demo teilzunehmen. Aber woher kennst du Joschi?"

 "Wer ist Joschi?"

 "Na, der mit der Knarre, hast ihn doch grade selbst erwähnt"

 "Ach, dieser potentielle Selbstmörder. Hat sich wohl nie überlegt, ob auch die Bullen wissen, das seine Knarre nicht echt ist. Und was wohl passiert, wenn er sie auf jemand richtet, der selbst bewaffnet ist. Nein, ich kenne ihn nicht. Ich weis nur, daß er auf dieser Demo ist, daß er in Gefahr ist und daß ich ihn erkennen werde, wenn es soweit ist. Ich weis solche Dinge eben. Ist irgend so ne besondere Fähigkeit von mir"

 Jetzt hatte Joe genug. Gleich zwei Spinner an einem Tag. Das waren für seinen Geschmack genau zwei zuviel. Er bezahlte seinen Kaffe und verabschiedete sich mit den Worten "Schönen Tag noch - Krieger". Die Provokation funktioniert nicht. Zet sah ihn gelassen an und sagte "Du willst es nicht wahr haben, aber es ist so: Niemand wünscht sich den Frieden mehr, als ein Soldat." Joe verließ schweigend das Lokal. Es gab nichts mehr zu sagen. Er wollte so schnell wie möglich nach Hause. Der kürzeste Weg führte an der Demo vorbei, die jetzt in vollem Gange war. Er sah Joschi, der mit seiner Pistole herumfuchtelte. "Schwachkopf" murmelte er und wollte grade weitergehen, als er sah, wie jemand auf Joschi zurannte, ihn packte und zu Boden riß. Fast im gleichen Moment hörte er einen Schuß. Kam der von Joschis Pistole? Joe rannte auf die beiden zu, die immer noch am Boden lagen. Neben dem ziemlich verstört dreinblickenden Joschi erkannte er Zet, der gerade die Pistole an sich nahm. Er hielt sie verkehrt herum am Lauf. Jetzt erst sah Joe die zwei Polizisten. Sie trugen Uniform und Helme. Vermutlich auch kugelsichere Westen. Einer hielt eine MP in der Hand, die er auf Zet richtete. Der stand langsam auf und reichte die Pistole dessen Kollegen. Erst jetzt wurde Joe klar, was geschehen war. Joschi hatte wohl in seinem naiven Übermut die Pistole in Richtung der Polizisten gehalten. "Peng, du bist tot, Bulle". Ein geradezu lebensgefährlicher Scherz. Zet hatte also recht. Aber woher wußte er, daß dies geschehen würde und wie konnte er rechtzeitig hier sein? Wußte er doch weder, wie Joschi aussah, noch wo genau er sein würde? Ein ziemlich mysteriöser Typ. Bei diesem Gedanken sah er sich um und merkte, daß Zet verschwunden war. Auch die Polizisten sahen sich verdutzt um. Joe hielt es für besser, nun auch schnell zu verschwinden. Bisher hatten ihn die beiden nicht weiter beachtet und er wollte nicht warten, bis sie es tun würden.  

In dieser Nacht hatte Joe einen Traum. Er war Soldat - er war im Krieg. Bereit, für sein Vaterland zu kämpfen, für seine Familie und für seine Freunde. Sie waren im sogenannten Feindesland. Waren dort schon bis zur Hauptstadt vorgedrungen. Joes Einheit sollte das Regierungsgebäude besetzten. Man vermutetet, daß sich dort einige Heckenschützen verbargen. Joe glaubte an den Sieg. Sie waren mit den modernsten Waffen ausgerüstet. Sie hatten so einen Häuserkampf unzählige Male trainiert. Und dabei hatte Joe jeden Papp-kameraden aus der Hüfte heraus getroffen.  Die Männer wurden eingeteilt. Karl sollte mit Joe zusammen in das Gebäude gehn. Die andern sollten die Straßen sichern. Sie gingen los. Ruhig, besonnen und immer auf gute Deckung bedacht. Das war keine Übung. Hier wurde der kleinste Fehler mit dem Leben bezahlt. Joe fragte sich, ob dieser Krieg an sich nicht ein Fehler sei. Hatten die Politiker seines Landes nicht etwas vorschnell gehandelt, als sie sich für einen Präventivschlag entschieden? Aber für solche Gedanken war jetzt keine Zeit. Es war Zeit für Vorsicht, für Kampfbereitschaft und - ja, und für Angst. Angst, die jeder von ihnen hatte und die jeder verdrängte. Denn auch das hatten sie trainiert. Nur soviel Angst zuzulassen, wie notwendig war um entsprechend vorsichtig zu sein.  Sie hatten das Gebäude erreicht und standen nun vor dem Eingang. Joe rechts und Karl links davon. Er zog die Tür zu sich hin auf und Karl schob den Lauf seiner MP hinein. Am Lauf war eine Minikamera montiert, die sich über zwei Tasten am vorderen Griff um 180 Grad drehen ließ. Das Bild wurde über einen kleinen, hochklappbaren LCD Monitor angezeigt. Karl scannte die Eingangshalle ab. In der Mitte eine breite Treppe, die nach oben führte. Unten mehrere Türen. Er gab Joe das Zeichen, daß die Halle leer war und ging hinein. Joe folgte ihm, schloss die Tür und lehnte einen Knallfrosch davor. Ein Knallfrosch war eine Minisprengladung in einer Kugel. Diese ruhte auf einem Gestell, das an die Tür gelehnt wurde. Würde nun die Tür geöffnet, fiele die Kugel herunter, was die Sprengladung auslösen würde. Diese war harmlos und konnte keinen Schaden anrichten. Sie war nur dazu da, einen Knall zu erzeugen. Um zu signalisieren das die Tür geöffnet wurde und gleichzeitig den Feind zu erschrecken. Karl deutete an, die Treppe hinauf zu gehn und zeigte auf eine Ecke neben der Treppe. Joe nickte und stellte sich dort hin. Hier hatte er gute Deckung und gleichzeitig das Erdgeschoss und den oberen Teil der Treppe im Blickfeld. Bereit jederzeit zu schießen, beobachtete er, wie Karl nach oben ging. Von unten konnte Joe nur zwei Türen des oberen Stockwerks sehen. Eine davon bewegte sich langsam. Auch Karl sah dies und feuerte sofort darauf. "Verdammt nochmal Karl, lernst du es denn nie?" dachte Joe, denn er wusste, dass Karl mal wieder sein ganzes Magazin rausgepustet hatte, bevor er überhaupt sah, auf wen oder was er denn schoß. Mitten auf der Treppe stehend begann er das Magazin zu wechseln. In diesem Moment ging die Tür ganz auf. Joe sah ein Gewehr und schoß sofort. Als er den Mann sah, war dieser bereits getroffen, aber sein Finger hatte sich um den Abzug verkrampft. Dadurch schoss auch er sein Magazin leer, während er fiel. Karl hatte keine Chance. Er wurde von mehreren Kugeln getroffen und fiel die Treppe runter. Joe wollte zu ihm hin. Doch er beobachtete die Türen. Hinter jeder konnte ein feindlicher Soldat sein, der nur darauf wartete, daß Joe seine Deckung verließ. Abwechselnd beobachtete er die 4 Türen. Bis sich bei einer die Klinke leicht bewegte. Nur soweit, wie nötig war um die Tür zu öffnen. Joe wartete schußbereit. Nichts geschah. Ein Täuschungsmanöver? Er beobachtete die anderen Türen. Keinerlei Veränderung. Die eine Tür öffnete sich nun ganz und Joe erschrak.

Er sah in die Augen eines Kindes. Ein kleiner Junge, der panische Angst hatte. Joe schätzte sein Alter auf ungefähr 10 Jahre. Er winkte ihm zu und bedeutete, er möge zurück gehen. Der Junge tat dies und schob die Tür von innen zu. Joe war bereit. Es geschah das, was er erwartet hatte. Bei dem Geräusch der zufallenden Tür öffneten sich die anderen Türen fast gleichzeitig. Heraus traten drei feindliche Soldaten. Joe hielt seine MP auf den Linken zu, drückte den Abzug durch und drehte sich nach rechts, während er sich gleichzeitig auf den Boden warf. Der erste der drei kam nicht mehr zum schießen, der zweite drückte ab, konnte aber nicht mehr zielen. Nur der dritte hatte noch die Bruchteile von Sekunden Zeit gezielt zu schießen und verfehlte nur knapp. Die Kugeln flogen über Joe's Kopf hinweg, eine streifte seinen Helm.

 Stille

 Joe blieb regungslos liegen. Abwartend. Wenn noch feindliche Soldaten hier drin wären, würden sie sich jetzt zeigen. Aber es blieb alles ruhig. Vermutlich war niemand mehr hier. Joe robbte zu Karl, der blutüberströmt am Fuße der Treppe lag. In der rechten Hand die MP immer noch schußbereit faßte er mit der Linken nach Karls Handgelenk. Kein Puls. Sein Kamerad war tot. Gestorben für sein Vaterland. Für das Land, für das auch Joe in den Kampf gezogen war. Er stand auf und sah sich um. Fünf Menschen lagen tot am Boden. Vier davon hatte er umgebracht. Früher hatte er sich oft überlegt, wie es wohl sein würde, wenn er wirklich mal jemanden erschießt. Was er dabei fühlen würde. Soeben hatte er vier Menschen erschossen. Und er fühlte überhaupt nichts. Jetzt war nicht die Zeit für Gefühle. Jetzt war die Zeit darüber nachzudenken was als nächstes zu tun war um möglichst schnell und möglichst lebend hier rauszukommen. Doch etwas hatte sich verändert. Joe kämpfte jetzt nicht mehr für sein Vaterland. Er kämpfte nun für sich selbst. Er war bereit weitere Menschen zu töten. Aber nur noch um seine Kameraden zu schützen und um nicht selbst getötet zu werden. Er kämpfte daür, daß seine Frau und seine Tochter ihn bald wiedersehen würden. Und bei dieser Begegnung gedachte er nicht in einem Sarg zu liegen. Sein stark ausgeprägter Beschützerinstinkt hatte ihn damals veranlaßt, Soldat zu werden. Er wollte mithelfen, die Menschen seines Landes zu schützen und war bereit, gegen jeden Angreifer zu kämpfen. Aber dies hier waren nun mal keine Angreifer. Die Regierung seines Landes hatte den Präventivschlag beschlossen. Dies galt als Verteidigung. Aber nicht für Joe. Seinem Verständniß nach mußte einer Verteidigung ein Angriff vorausgehn, nicht nur eine Bedrohung. Er ging auf das Zimmer zu, in das er vorhin diesen kleinen Jungen zurückgeschickt hatte. Was um alles in der Welt machte der hier? Die Tür war nur angelehnt. Joe stellte sich daneben und stieß sie mit dem Fuß auf. Er hielt die MP in den Eingang und sah in den Monitor. Wieder erschrak er. Darauf war er nicht gefaßt. Ein feindlicher Soldat hätte ihn nicht erschrecken können. Aber das hier.  Vorsichtig betrat er den Raum. Er konnte keine Gefahr erkennen. Nur diese Frau mit den zwei Kindern, denen stumme Tränen über die Wangen liefen. Sie schienen zu schockiert zu sein, um laut weinen zu können. Der Junge stellte sich mutig vor die Frau, die wohl seine Mutter war. Erst jetzt merkte Joe, das er seine MP auf diese Leute richtete. Er ließ sie sinken. Dies war eine Situation, die er niemals trainiert hatte. Unter Beschuß vorwärts zu kommen, Gebäude zu sichern, jederzeit bereit einen Menschen zu erschießen, um nicht selbst erschossen zu werden - das konnte er. Dafür war er ausgebildet. Aber was sollte er nun tun? Er blickte in die Gesichter der Kinder, in die vor Angst geweiteten Augen. Er nickte der Frau zu und zeigte zum Ausgang. Zögernd ging sie darauf zu. Zusammen mit ihren Kindern, die ihre Arme fest umklammerten. Joe sah sich nochmals um. Das Gebäude schien sicher. Er ging zum Ausgang, öffnete die Tür nur einen Spalt weit und rief laut "Falke, Falke". Dies war sein Codewort. Seine Leute wußten nun, das er es war. Er ging langsam hinaus, die Frau mit den Kindern hinter ihm. Er sagte dem Funker er solle einen Wagen anfordern, um die drei hier wegzubringen. "Aber das geht nicht, das sind keine von uns. Wir dürfen dem Feind nicht helfen" bekam er zu hören. Joe konnte nur mühsam seinen Zorn unterdrücken. Er sah den Funker an und sagte mit ruhiger, fester Stimme. "Ich sehe hier keinen Feind. Ich sehe hier eine Frau und zwei Kinder an einem Ort, an dem sie überhaupt nicht sein sollten. Also, sorg dafür, daß sie hier wegkommen". Dabei wurde ihm bewußt, daß es in Wirklichkeit sie selbst waren, die hier nicht sein sollten. 

"Aber wohin sollen wir sie denn bringen?" 

"Mir egal, irgendwohin, wo es keine Waffen gibt"

 Der Funker sah Joe nachdenklich an und murmelte "Dann müssten sie diesen Planeten verlassen"

 "Sorg dafür, daß sie ins nächste Flüchtlingslager kommen. Dort sind sie einigermaßen sicher" sagte Joe und ging. Er wollte zur Komandozentrale, die sich drei Häuserblocks weiter befand. Als er auf eine Hausecke zukam, hatte er ein ungutes Gefühl. Er kannte dieses Gefühl. Die MP schußbereit ging er langsam darauf zu und war plötzlich wie gelähmt. Er hätte sofort schießen sollen. Aber er konnte nicht. Es war ein Schock, der kurzzeitig jegliches Handeln blockiert. Vor ihm stand der Feind. Nun stand er ihm direkt gegenüber, von Angesicht zu Angesicht. Beide Männer hielten ihre Gewehre aufeinander gerichtet. Beide könnten schiessen. Und beide würden sterben. Joe sah seinem Gegenüber direkt in die Augen. Und er verstand. So, wie der andere, der als Feind bezeichnet wurde, wohl auch verstand. Dessen Blick war auf Joes Gewehr geheftet, während er vorsichtig sein eigenes sinken ließ. Joe begriff sofort. Genauso langsam und vorsichtig neigte auch er sein Gewehr zum Boden. Sie sahen sich immer noch an. Mit Blicken, als ob sie alte Freunde wären, die sich nun für immer verabschieden. Dann drehten sie sich um und gingen davon. In entgegengesetzter Richtung. Es gab einfach keinen Grund, sich gegenseitig zu erschießen. Wozu denn? 

Joe erwachte. Er machte das Licht an, um sich zu vergewissern, wo er war. Dieser Traum! Irgendwie war er so real. Joe war, als hätte er das Ganze wirklich erlebt. Er setzte sich im Bett auf. Seine Frau erwachte und sah ihn schlaftrunken an. "Wassn los?" "Nichts" sagte Joe. "Nur ein bisschen schlecht geträumt. Schlaf weiter". Er stand auf und ging zum Zimmer seiner achtjährigen Tochter. Er sah sie an. Sah, wie sie friedlich schlummernd im Bett lag, ging zurück und legte sich wieder hin. Doch schlafen konnte er in dieser Nacht nicht mehr. Dieser Traum würde ihn noch lange beschäftigen. Er sah seine Frau an, die wieder eingeschlafen war. Und wieder einmal wurde ihm klar, wie sehr er sie und seine Tochter liebte. "Für euch wäre ich bereit zu sterben" dachte er.

"Aber noch viel mehr bin ich bereit für euch zu leben". Joe musste schmunzeln. Er erinnerte sich wieder an die Begegnung mit Zet, diesem Soldaten. Und an das, was der sagte: "Niemand wünscht sich den Frieden mehr als ein Soldat".  

Joe glaubte ihm.

 

© Nightwriter 2003

Kommentar senden