Schleierhaft

Irgendwann warst du einfach da. Irgendwo habe ich dich getroffen. Wo und wann weis ich nicht mehr. Aber das war auch nie wichtig. Wichtig war immer nur, das es dich gab und das du bei mir warst. Nie habe ich dein Gesicht gesehn. Du trugst immer einen schwarzen Schleier davor. Aber trotzdem fühlte ich mich von Anfang an zu dir hingezogen. Fühlte mich in deiner Nähe immer sehr wohl. Du hattest etwas Besonderes, das ich mir nicht erklären konnte. Villeicht war es ja gerade dieser Schleier, der dich für mich so interessant machte. Oft wollte ich dir diesen Schleier abnehmen, um dein Gesicht zu sehn. Dir einmal in die Augen schaun. Aber das wolltest du nicht. Du sagtest, daß der Tag kommen wird, an dem du ihn selbst für mich abnehmen wirst. Noch sei es zu früh. Ich spürte, daß du Angst davor hattest, denn du warst sehr verletzlich. Ich wollte dir diese Angst nehmen, doch ich wusste nicht wie, da mir nicht bekannt war, wo sie herkam. Wenn ich dich danach fragte,  wurdest du nur still und nachdenklich. So hoffte ich auf die Zeit, die Dir diese Angst nehmen würde. Doch du hattest nicht mehr viel Zeit und auch dass wusste ich nicht.

Nun liegst du hier vor mir. Schön zurechtgemacht - für die Leute, die dich noch ein letzts Mal sehen wollen. Du trägt immer noch diesen Schleier. Niemand hat ihn dir abgenommen. So gerne würde ich jetzt dein Gesicht sehn. Dir in die Augen schaun. Ein erstes und letztes Mal. Ich bräuchte dir nur den Schleier abzunehmen. Aber das darf ich nicht. Es wäre nicht fair. Ich müsste dich um Erlaubniss bitten. Doch du kannst mir keine Antwort mehr geben. Nun gehst du in eine andere Welt. Dort wirst du keinen Schleier mehr brauchen. Hier durftest du von niemandem erkannt werden. Auch nicht von mir.

Ich werde oft an dich denken. Werde Dein Bild vor meinen Augen haben. Ein Bild, auf dem du einen Schleier trägt.

Schade.

So gerne hätte ich einmal einem Engel in die Augen gesehn

 

© Nightwriter 2002 

 

Kommentar senden