Das Märchen von der Liebe

Normalerweise hätte Julia diesen Kerl, der dort an der Bar saß, gar nicht beachtet. Wenn da nicht diese Stimme gewesen wäre, die zu ihr sagte "Kümmer dich um ihn. Es ist der, den du suchst"  "Was! Der da?" Julia war empört. Dieser Kerl war nun schon ganz und gar nicht ihr Typ. "Wer bist du denn überhaupt"  Die Stimme antwortete "Ich bin die Liebe. Ich steh direkt vor dir, aber du kannst mich nicht sehen. Wenn du mich sehen willst, musst du zu dem Menschen dort drüben gehen" Julia sah wieder zur Bar. Bei näherer Betrachtung sah er gar nicht schlecht aus. Was sie allerdings sehr störte war der Umstand, das der Kerl offensichtlich betrunken war. Und an solchen Typen hatte sie nun wirklich keinen Bedarf. "Nun" dachte sie "verlieren kann ich ja nichts. Nur gewinnen, und wenns nur mal wieder eine Erfahrung mehr ist". Also begab sie sich zur Bar. Sah disem Mann kurz in die Augen, nahm sein Glas und stellte es ans Ende der Theke. Dann sagte sie "Genug. Mehr wäre zuviel" und ging wieder zurück an den kleinen Tisch, an dem sie schon seit Wochen fast jeden Abend allein saß.

Robert, der Kerl an der Bar, brauchte erst eine Weile um sich zu fassen. Da kommt doch diese wildfremde Person, mischt sich in seine Angelegenheiten und nimmt ihm seinen Drink weg. Wo er doch mehr als einen guten Grund hat, sich zu betrinken. Na warte, die kann was erleben. Er stand auf und ging zu ihrem Tisch, während er sich die wüstesten Beschimpfungen ausdachte. Dort angekommen setzte er sich ohne zu fragen ihr gegenüber und sah sie direkt an. Dann öffnete er den Mund um sein gesamtes Magazin an Beleidigungen auf sie abzufeuern. Doch in diesem Moment schlich sich der Grund sich zu betrinken davon. Und so war alles was herauskam nur ein Wort: "Danke".  "Gern geschehn" sagte Julia mit einem Lächeln. Und dann fingen die beiden an zu reden. Bald waren sie so in ihr Gespräch vertieft, dass sie den Schatten nicht bemerkten, der sich über ihren Tisch legte. Der Besitzer des Schattens war der Wirt, der neben ihrem Tisch stand. Stumm stand er dort, wie ein Zaunpfahl, zu höflich etwas zu sagen. Julia bemerkte ihn als erste und sah erschroken auf. Ein Blick auf die Uhr erklärte das Ganze.  Und so verließen diese beiden Menschen, die sich zuvor noch nie gesehen hatten an diesem Abend zusammen das Lokal. Und es war ihnen als ob sie sich schon ein Leben lang kannten. Von da an trafen sie sich regelmäßig und es dauerte nicht lange, da zogen sie zusammen, in der Absicht den Rest ihres Lebens gemeinsam zu verbringen. Am ersten Abend in ihrer neuen Wohnung hörte Julia wieder diese Stimme "Ich möchte bei euch bleiben. Darf ich?" Nun konnte Julia sie auch sehen - die Liebe. "Oh ja" sagte sie "du sollst für immer bei uns sein".

So lebten die beiden - oder sollte man sagen: die drei? - glücklich zusammen. Doch nach einigen Jahren fiel Julia auf, das die Liebe immer öfter und immer länger wegblieb. Sie erzählte es Robert, dem dies auch aufgefallen war. Und beide gaben sich gegenseitig die Schuld dass die Liebe - ihre Liebe - nur noch so selten bei ihnen weilte. Doch schon am nächsten Tag gingen beide wieder ihrer gewohnten Routine nach. Bis Julia eines Morgens einen Zettel fand auf dem stand: "Wenn ihr euch nicht um mich kümmert, werde ich euch verlassen. Eure Liebe" Da erschrak sie sehr. Den Zettel in der Hand rannte sie zu Robert.  "Sie war schon lange nicht mehr hier und nichts ist mehr schön" sagte sie mit Tränen in den Augen "Ich möchte das sie wieder ständig um uns ist, so wie früher" Dabei sah sie Robert an wie sie es schon lange nicht mehr getan hatte. Und Robert nahm sie in den Arm wie er es schon lange nicht mehr getan hatte. "Ich glaube, ich weis wo sie ist. Komm" sagte er, nahm seine Frau bei der Hand und führte sie an einen Ort, an dem beide schon lange nicht mehr waren. Das Lokal in dem sie sich damals kennenlernten.

Julia sah sie zuerst. Sie führte ihren Mann zu dem Tisch, an dem vor langer Zeit ihr Glück begann. Froh, die Liebe wieder gefunden zu haben, setzten sie sich, bestellten Wein und redeten über alles, was geschehn war seit sie zum letzten Mal hier gesessen hatten. Als sie das Lokal verließen, wie damals vor vielen Jahren, hatten beide ein Lächeln auf den Lippen. Julia drehte sich um und sah die Liebe, die dicht hinter ihnen ging - und den Wirt der gerade die Tür schloß. Und sie glaubte zu sehen, wie die beiden sich zuzwinkerten. Aber villeicht lag das auch nur am Wein. An diesem Abend gingen Robert und Julia mit einem festen Vorsatz nach Hause. Von nun würden sie sich wieder mehr um die Liebe kümmern. Denn sie wollten nie mehr ohne sie leben.

 

© Nightwriter 2006

 

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